Fliegende Schildkröten und digitaler Arbeitsschutz

Posted On 5. Oktober 2014| Schreibe eine Antwort

Wie kann digitaler Arbeitsschutz aussehen?

Dorfchemnitz, Kombinat ESDA, Arbeitsschutzkontrolle

Arbeitsschutzkontrolle / Bundesarchiv, Bild 183-Z0217-003 / CC-BY-SA

Der TÜV Rheinland hat dazu zusammen mit dem Slow Media Institut (das sind die mit der fliegenden Schildkröte) ein Verfahren entwickelt.* Unternehmen können sich zertifizieren lassen.

Das zugrunde liegende Konzept enthält viele gute Ideen: Vereinbarung unterbrechungsfreier Arbeitsphasen, Qualifikation der Beschäftigten, klare und dokumentierte Regelungen zur Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit (sagen wir ja schon lange), möglicher Zeitausgleich, ein verbindlicher Ansprechpartner („Medienbeauftragter“) im Betrieb, das Thema digitaler Arbeitsschutz als fortlaufender Prozess.

Das Verfahren soll helfen, die Gesundheit von Beschäftigten schützen – Fehlzeiten auf Grund psychischer Belastungen** haben in den letzten Jahren zugenommen. Vorgesehen ist, dass Mitarbeiter-, Team- und Führungsebene dabei kooperieren. Das wirke sich dann langfristig positiv aus, auch auf die Produktivität, so Sabria David vom Slow Media Institut. Mit dem Zertifikat sollen sich Arbeitgeber im Wettbewerb um junge Fachkräfte („Generation Y“) besser aufstellen, weil sie damit „für einen verantwortungsvollen, fortschrittlichen und den Mitarbeitern zuträglichen Einsatz digitaler Medien stehen„.

Dass digitaler Arbeitsschutz individuelles Nutzungsverhalten ebenso betrachten muss wie die Zusammenarbeit im Team und mit den Vorgesetzten ist unbestritten. Was man dabei aber nicht ausblenden darf, sind Hierarchien und Machtstrukuren – offene oder verdeckte. Wenn traditionelle Rollenzuweisungen nicht mehr fassen, dann müssen sie neu aushandelt werden.  Kommunikation in Unternehmen passiert aber oft nicht auf Augenhöhe, denn es gibt Abhängkeiten und in der Regel ein klares Machtgefälle. Die Kultur im Umgang mit Medien in Unternehmen ist immer auch Spiegel der generellen Unternehmenskultur. Was also, wenn das mit der Kooperation zwischen den (Hierarchie-)Ebenen gar nicht so einfach ist? Kann der Dialog zur Mediennutzung bestehende Hierarchien in Unternehmen aufbrechen? Klar ist meines Erachtens nur so viel: Wer über Mediennutzung spricht, muss auch über die Kräfteverhältnisse im Unternehmen sprechen.

Und die erwähnten psychischen Belastungen: Betroffen sind viel häufiger ArbeiterInnen in der Produktion als Angestellte, die am Schreibtisch arbeiten. Und die höchsten Stresswerte werden bei Langzeitarbeitslosen gemessen. Je höher Beschäftigte in der Unternehmenshierarchie stehen, desto weniger Stress haben sie, den wenigsten sollen CEOs haben.***

Aber auch die Belastungen im produzierenden Bereich haben mittelbar mit Digitalisierung und Vernetzung zu tun: Die Prozesse sind beschleunigt, Arbeit verdichtet – nach „unten“ durchgereicht, belastet das auch die Beschäftigten dort.
Vereinbarungen, die Beschäftigte beispielsweise vor nächtlichen E-Mails schützen sollen, helfen also möglicherweise gar nicht denen, die es am nötigsten haben.

 

* Der Beitrag bezieht sich u. a. auf eine Veranstaltung der Wikimedia Deutschland: „Digitalisierung der Arbeitswelt – Zwischen Kollaboration und Selbstausbeutung„, die am 29.09.2014 in Berlin im Rahmen der Reihe „Digitale Kompetenzen“ stattgefunden hat.

** Das sagt zum Beispiel der AOK Fehlzeitenreport.

*** Entsprechende Daten aus Studien hat bei der genannten Veranstaltung Dr. Tim Hagemann in die Diskussion eingebracht.

Schlagwörter: , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.